Im Gedenken an Manfred Stolpe

Wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn (1.Korinther 15.55)

Am 29. Dezember 2019 ist der stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrates unserer Stiftung für Grundwerte und Völkerverständigung, Manfred Stolpe, gestorben. Er ist in diesen Tagen mannigfaltig gewürdigt worden als engagierter Kirchenmann in der DDR, als erster Ministerpräsident des neu gegründeten Bundeslandes Brandenburg, als Bundesminister und als Mitbegründer und enger Begleiter des Petersburger Dialoges, aber vor allem gemeinsam mit Regine Hildebrand als Stimme und Gesicht Ostdeutschlands.

Für uns war Manfred Stolpe, 1936 in Stettin geboren, Mentor und sanft drängender Ratgeber unserer Arbeit. Hierzu Stiftungsratsvorsitzender Patrick Meinhardt: „Mit großer Trauer tief in meiner Seele, muss ich von dem langjährigen Ministerpräsident Brandenburgs und Bundesminister Manfred Stolpe Abschied nehmen. Seit dem ersten Tag war Manfred Stolpe im Stiftungsrat der Stiftung Grundwerte und Völkerverständigung als mein Stellvertreter ein Anker für unsere werteorientierte Arbeit und ein Brückenbauer zwischen Politik und Stiftung. Er wird in meinem Herzen als ein väterlicher Ratgeber, kollegialer Freund und engagierter Förderer unserer Stiftungsarbeit seinen festen Platz haben.“

Ehrenvorsitzender Rudolf Decker: „Begonnen hat unser Kontakt durch eine Empfehlung Dr. Hans-Jochen Vogels, eines unserer Gründungsväter. Er legte mir Dr. Manfred Stolpe als seinen Nachfolger in der Arbeit der Stiftung ans Herz, der sich große Verdienste als Mann der Kirche und Brückenbauer zwischen Ost und West erworben hatte.“

Vorstandsvorsitzender Tilo Braune sieht in ihm einen beeindruckenden Menschen, vertrauenswürdigen Politiker und väterlichen Freund, dessen Rat uns fehlen wird. Stolpes gewinnendes Wesen hat die Arbeit befördert und seine weitreichenden Kontakte bis in die Spitzen unserer Gesellschaft hat uns neue Partner und Mitstreiter gebracht.

Die Vorsitzende des Kuratoriums der Stiftung, Dr. Elke Leonhard: „Manfred Stolpe hat als erster Ministerpräsident des wieder entstandenen Landes Brandenburg die politische Kultur in Ostdeutschland wie kaum ein anderer nachhaltig geprägt. Er war nicht nur ein ungewöhnlich erfolgreicher Politiker, sondern ein Brückenbauer zwischen Ost und West. Bis zuletzt schaltete er sich in politische Debatten ein, um die Zukunft der Stadt Potsdam oder um das Verhältnis Deutschlands zu Russland. Sein Wort zählte, er durchbrach viele Hindernisse mit der Gabe der Empathie.

Wir verdanken seiner intellektuellen Analyse internationaler Politik die unerschrockene Fortsetzung unserer Deutsch-Russischen-Dialoge, die besonders in Zeiten politischer Eiszeit und hoch gefährlicher Sprachlosigkeit zu bilateraler Vertrauensbildung beitrug. Für unsere Stiftung Grundwerte und Völkerverständigung war Dr. Manfred Stolpe ein Geschenk Gottes, das wir sorgsam bewahren werden.“

Trotz schwerer Krankheit war er bis zuletzt am Fortgang der Stiftungsarbeit interessiert und gab in den vergangenen Monaten seine Ratschläge per SMS.

Manfred Stolpe wird uns fehlen! Wir wollen und werden unsere Stiftungsarbeit in seinem Sinne fortsetzen und ihm damit ein lebendiges Denkmal setzen.

 

Patrick Meinhardt                                                              Tilo Braune

Stiftungsratsvorsitzender                                                 Vorsitzender des Stiftungsvorstands

 

Dr. Elke Leonhard                                                              Rudolf Decker

Vorsitzende des Kuratoriums                                           Ehrenvorsitzender

 

Zum Tod von Manfred Stolpe

„Wer da lebt und glaubt an mich, der wird nimmermehr sterben.“ (Johannes 11.26)

Ein persönlicher Abschied

von Tilo Braune

Nun hast Du uns endgültig verlassen. Wir beide wussten, Du als Betroffener, ich als Arzt, dass Dein Leben nicht mehr lange währen würde. Tapfer, wie in Deinem gesamten Dasein, hast Du die Prüfungen Deiner seit 2002 währenden Krebserkrankung getragen und weitere gesundheitsbedingte Einschränkungen ausgehalten. Bis zuletzt warst Du am Fortgang von Dingen interessiert, die Du mit ins Werk gesetzt hast und botest Rat und Unterstützung an. Dies wird mir jetzt fehlen, und das macht unendlich traurig!

Zu DDR-Zeiten sind wir uns nie begegnet, doch für uns Oppositionelle war es Trost und Zuversicht, zu wissen, dass es Dich als möglichen Rettungsanker bei zu erwartender staatlicher Repression gab. Du wähltest nach 1989 zur Überraschung mancher die SPD als Deine politische Heimat, Persönlichkeiten wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, auch Johannes Rau, waren Dir Vorbild und alsbald Berater. Diese Motivation hat auch mich seinerzeit bewegt, da waren wir uns später schnell einig. Das Rau´sche Motto „Versöhnen statt spalten“ prägte Deinen ganz besonderen brandenburgischen Weg und hat Dir nicht nur im Land Brandenburg Respekt und Vertrauen verschafft, Du warst gemeinsam mit Regine Hildebrand die Stimme des Ostens.

Als Dich Bundeskanzler Schröder überraschend in seinem zweiten Kabinett zum Bundesverkehrs- und Aufbau Ost-Minister ernannte, beriefst Du mich zu Deinem engen Begleiter und beamteten Staatssekretär an Deine Seite. Eine hochspannende, jedoch auch herausfordernde Aufgabe bescherte uns drei Jahre intensivster vertrauensvoller Zusammenarbeit. Ich konnte Dein politisches Gespür, Deine extreme Belastbarkeit, Deine herzliche Wärme und Dein geduldiges Zuhören tagtäglich erleben und viel von Dir lernen. Als 2003 Deine erste Operation anstand, die Du trotz Krebsdiagnose monatelang verzögert hattest, da Du nicht den Eindruck erwecken wolltest, Du flüchtetest in schwieriger Zeit in eine Krankheit, machtest Du mich schriftlich zu Deinem Vertreter als amtierender Bundesminister. Ich bin Dir noch heute dankbar für Dein Vertrauen, es hätte auch eine Alternative gegeben. Nicht selten batest Du mich, mitunter auch ohne dringende dienstliche Begründung, um Begleitung zu hochrangigen Treffen. Gelegentlich grummelte der recht hierarchisch denkende Kanzler: „…der schon wieder!“ und meinte natürlich mich. Altkanzler Helmut Schmidt stelltest Du mich als Deinen Staatssekretär und Arzt vor, der darauf sofort begann, mich zu examinieren.

Helmut Schmidt war es auch, der Dich in einer für ihn ungewöhnlich warmherzigen, natürlich klugen Lobrede (er bestand auf dieser deutschen Form) für Deine unermüdliche Versöhnungsarbeit mit den Ländern Osteuropas und Deiner engen Begleitung des Petersburger Dialogs würdigte. Ich hatte die Freude, Dir als Präsident der Europäischen Kulturstiftung „Pro Europa“ in einem übervollen Festsaal der Humboldt-Universität Berlin den Europäischen Kulturpreis 2012 für diese segensreiche Arbeit zu überreichen. Gekommen waren enge Weggefährten Deines so erfolgreichen Wirkens von Diakonissen über Pastoren und Altbischöfen, aber auch Christina Rau, Lothar und Thomas de Maiziére, Friede Springer, Altbundespräsident Richard von Weizsäcker bis hin zum heutigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier.

2005 schieden wir gemeinsam aus dem Amt. Du wolltest (endlich) mehr Zeit für Deine Familie haben, und auch die Erkrankung forderte ihren Tribut. Die folgenden Operationen, Chemotherapien und anderen Einschränkungen ertrugst Du mit beeindruckender Geduld und Gottvertrauen, warst weiter aktiv. Mich ermuntertest Du, bei der Stiftung für Grundwerte und Völkerverständigung mitzuarbeiten, deren Motto im Sinne der Präambel unseres Grundgesetzes: „In Verantwortung vor Gott und den Menschen….“ ja nahezu als Leitmotiv Deines Lebens gelten könnte. Bis vor wenigen Wochen erkundigtest Du Dich per SMS regelmäßig über den Erfolg dieser Arbeit.

Es gibt so viele schöne Erinnerungen an unsere gemeinsame Zeit. Sei es der Bikergottesdienst in Hamburg, als Du Bischöfin Jepsen als Sozia mit dem Motorrad vorfuhrst (sie zitterte am ganzen Leib), sei es der Spatenstich einer Autobahnzufahrt, die jahrelang wegen des vermuteten aber nie nachgewiesenen Vorkommens von Feldhamstern aufgehalten worden war, den Du mit den launigen Worten: “Jetzt geht’s dem Hamster an den Kragen!“ begleitetest (einschließlich des folgenden Shitstorms aufgeregter Tierschützer), sei es Deine Fürsorge, mein Wohlbefinden betreffend. Wie oft hast Du mich zum Essen eingeladen (ich durfte nie zahlen) oder zum Kuchen in Dein Berliner Lieblingslokal, den Albrechtshof.

Eine besondere Freude, Ehre und Zeichen Deiner Freundschaft war der Besuch von Dir und Deiner Frau zu meinem 60. Geburtstag in Greifswald. Du hieltest eine mich beschämende, so freundliche Laudatio und mahntest mich, mein Afrikaengagement in Sachen „Schools for Africa“ unbedingt weiterzuführen. Ich stehe im Wort, leider konnte ich Dich nicht mehr über den demnächst anstehenden Start eines neuen Schulbaues im Norden Togos informieren!

Es gäbe noch so Vieles zu berichten, etwa, wie viele Freunde und Wegbegleiter mich in den letzten Tagen kontaktierten und mir (!) kondolierten. Offenbar ist unsere besondere, mir so wertvolle Beziehung, nicht verborgen geblieben. Nun wirst Du mir und vielen, vielen Menschen fehlen!

Lieber Manfred, zu Deinem 70. Geburtstag haben wir gemeinsam in der Inselkirche Hermannswerder Dein Lieblingslied gesungen, Dietrich Bonhoeffers „Von Guten Mächten“. Das Lied endet mit den Worten: 

Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Möge Gott auch jetzt und immerdar an Deiner Seite sein, wie er Dein reiches Leben stets segensreich begleitet hat.

In Dankbarkeit Tilo Braune.