Im Gedenken an Dr. Hans-Jochen Vogel

Im Bewusstsein seiner Verantwortung
vor Gott und den Menschen

                             Präambel des Grundgesetzes

 

Dr. Hans-Jochen Vogel

3.2. 1926 – 26.7. 2020

Ehemals Bundesminister, Fraktionsvorsitzender, Oberbürgermeister

Wir trauern um Dr. Hans-Jochen Vogel. Zusammen mit Ministerpräsident a.D. Lothar Späth war er Mitgründer der Stiftung für Grundwerte und Völkerverständigung. Diese hat das Ziel, das Bewusstsein für die Verantwortung vor Gott und den Menschen und die Völkerverständigung in der Welt durch die Besinnung auf Gott zu fördern. Die Stiftung ermöglicht unter anderem die Durchführung von Parlamentarischen Begegnungen mit Gedankenaustausch und Gebet im Deutschen Bundestag und in Landesparlamenten.

Wir tragen sein Anliegen gemäß der Präambel des Grundgesetzes weiter. Er bleibt unvergessen.

Tilo Braune, Rudolf Decker, Patrick Meinhardt


 

Persönliches Gedenken und Erinnerungen an Dr. Hans-Jochen Vogel

Mit Hans-Jochen Vogel verlieren wir in unserem Land einen leidenschaftlichen Politiker, einen Staatsmann, der alle seine Ämter als Diener des Volkes mit Aufrichtigkeit, Geradlinigkeit und als ehrlicher Makler gelebt hat, und einen Menschen, der die Ideale der Sozialdemokratie durch und durch verkörperte.

Gerade als Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Grundwerte und Völkerverständigung bin ich Hans-Jochen Vogel für sein Engagement, seine verinnerlichte Nächstenliebe und sein werteorientiertes Vorbild von Herzen dankbar.

Ich gedenke seiner und bin in stillem Gebet bei seinen Angehörigen und Herzensfreunden.

Patrick Meinhardt – Vorsitzender des Stiftungsrats


Hans-Jochen Vogel ist tot! Unser Land hat dem engagierten Sozialdemokraten und gläubigen Christen viel zu verdanken. Ob als Oberbürgermeister von München und Berlin, ob als Bundesjustiz- und Bundesbauminister, ob als SPD-Bundestagsfraktionschef und als erster Vorsitzender der wiedervereinigten SPD, stets hat er maßgebliche politische Impulse gegeben und seine jeweilige Verantwortung streng wahrgenommen. Bis zuletzt hat er regen Anteil am politischen Geschehen in Deutschland genommen, arbeitete aktuell noch an Manuskripten zur sozialen Mietpreisgestaltung und stellte konkrete Forderungen an die politisch Verantwortlichen. Seine große Sorge war die zunehmende Empfänglichkeit von Teilen der Bevölkerung gegenüber rechtem Gedankengut. Es war immer ein Gewinn, ihn in München zu besuchen und mit ihm über die Zukunft unseres Landes zu diskutieren. Ich ging stets inspiriert aus diesen Gesprächen. Wir werden seine Einmischung vermissen! Anbei das Foto eines Treffens gemeinsam mit Rudolf Decker von April 2019.

Tilo Braune – Vorsitzender des Vorstands


Im Jahre 1982 gründeten Abgeordnete aller Bundestagsfraktionen ‚Parlamentarische Frühstücksbegegnungen mit Gedankenaustausch und Gebet‘. Der Grundgedanke war ‚Verantwortung vor Gott und den Menschen‘ nach der Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland. Erst allmählich wurde das auch als ‚Gebetsfrühstück‘ bezeichnete Treffen zur anerkannten Einrichtung. Nicht lange nach der Gründung berichteten einige SPD-Abgeordnete, ihr Fraktionsvorsitzender Dr. Hans-Jochen Vogel äußere Bedenken gegen diese Treffen. Diese Parlamentarier und ich versuchten, unsere interfraktionellen Treffen Dr. Vogel als politisch unbedenklich nahezubringen. Er widersprach: „Wenn Abgeordnete zusammenkommen, ist das nie harmlos, erst recht nicht, wenn sie verschiedenen Fraktionen angehören.“ Er war nicht zu erschüttern. Nun baten wir um Fairness und luden ihn selbst zum Frühstück ein. Er sagte zu und kam. Danach legte er alle Bedenken ab. Solange er Abgeordneter war, kam er nun regelmäßig und wirkte mit. Eines Tages erklärte er: „Nun bin ich davon überzeugt, dass es in diesem Kreis um den Gottesbezug geht, wie er in der Präambel des Grundgesetzes verankert ist.“

Als Hans-Jochen Vogel aus dem Deutschen Bundestag ausschied, bat ich ihn, den Abgeordneten der Frühstücksbegegnungen und mir beratend zur Verfügung zu stehen. Unter anderem schlug er vor, die ‚Internationale Begegnung in Berlin‘ nach dem Vorbild des ‚National Prayer Breakfast in Washington D.C.‘ ins Leben zu rufen, die jährlich mit Besuchern aus bis zu 50 Ländern durchgeführt wird und seit 24 Jahren Markenzeichen unserer Parlamentarischen Begegnungen wurde.

Die Flüchtlingskrise im Jahr 2015 hat mich besonders betroffen. Wegen meiner langjährigen Kontakte zu führenden afrikanischen Persönlichkeiten wurde ich mit Fragen und Sorgen überschüttet. Ich bereitete dazu eine Zusammenfassung von Tatsachen, Entwicklungen und Perspektiven des Nachbarkontinents vor. „Soll ich das veröffentlichen?“ fragte ich Dr. Vogel. Er las das Manuskript und rief zurück: „Das Buch muss geschrieben werden, aber mit wesentlichen Veränderungen! Lassen Sie uns miteinander reden!“ Im gemeinsamen Nachdenken entstand ‚Europa und Afrika‘, erschienen mit einem Vorwort von Dr. Vogel 2016 bei HERDER.

Wir haben oft bei Gedankenaustausch und Gebet über unser inzwischen langes Leben nachgedacht. Dabei betrachteten wir auch das Jesus-Gleichnis vom anvertrauten Geld: Ein hoher Herr wollte verreisen und übergab eine große Geldsumme seinem Knecht, der es erfolgreich vermehrte. Als der hohe Herr zurückkam, erhielt er die doppelte Summe zurück. „Sehr gut“, erwiderte der Herr. „Du bist mit dem Wenigen gut umgegangen, darum will ich dir künftig viel anvertrauen.“ Unser Thema: Es wird einst spannend zu erfahren, was Gott in seinem Reich Hans-Jochen Vogel anvertraut. Wenn seine Aufgabe als Regierender Bürgermeister von Berlin, Bundestagsabgeordneter, Fraktions- und Parteichef oder als Bundesminister „wenig“ war, was erst wird ihm dann in Gottes Reich übertragen werden?   

Rudolf Decker – Ehrenvorsitzender der Stiftung